Warum ich Trauersängerin geworden bin
Share
„Wirst du dabei nicht selbst immer sehr traurig?“ Diese Frage höre ich oft. Und ja: Trauerfeiern berühren mich. Jedes Mal. Aber genau das ist auch der Grund, warum ich so gern Trauersängerin bin. Weil ich glaube, dass Trost nicht bedeutet, den Schmerz wegzumachen. Trost bedeutet, da zu bleiben. Mitten im Schweren. Und manchmal schafft Musik genau diesen Raum.
Wie alles begann:
die Vorahnung, die Diagnose – und dieses „Wir müssen da jetzt durch“
Als meine Mutter krank wurde, war da erst dieses komische Gefühl: etwas stimmt nicht. Sie war erschöpft, hatte stark abgenommen und wie so viele Mütter wollte sie bloß keine Sorgen machen. Als wir endlich beim Arzt saßen und später in der Notaufnahme, wurde aus Sorge Gewissheit. Speiseröhrenkrebs. Und kurz darauf auch noch ein Schlaganfall. Hoffnung war plötzlich ein sehr kleines Wort.
Und dann kamen diese Wochen, in denen Zeit gleichzeitig rast und stillsteht: Hospiz. So viel Liebe. So viel Abschied. Wir sangen, wir lachten, wir weinten. Meine Schwester nahm uns in Gedanken mit nach Sylt an den Sehnsuchtsort meiner Mutter. Für einen Moment war da wieder Sand unter den Füßen und ein bisschen Sonne auf der Haut, obwohl wir eigentlich in einem Krankenzimmer saßen.
Weihnachten im Hospiz und die leise Wahrheit:
Manche Feste feiern wir ein letztes Mal
Heiligabend haben wir dort gefeiert. Ich habe Weihnachtslieder gesungen, mit Ukulele begleitet. Und für einen kurzen Moment war da etwas, das ich bis heute nicht anders beschreiben kann als: Menschlichkeit, die den Raum etwas heller und schöner macht.
Meine Mutter ist an Silvester gestorben. Ganz ruhig, ganz sanft, in unseren Armen. Viel zu früh. Und trotzdem friedlich.
Der Moment, der mein Leben verändert hat:
Singst du auf meiner Beerdigung?“
In ihren letzten Tagen ihres Lebens fragte sie mich: „Petra, du singst doch auf meiner Beerdigung, oder?“ Ich sagte sofort "Ja" und dachte Sekunden später: "Oh Gott. Das schaffe ich nie."
Am 15. Januar stand ich dann in der Kirche. Mikrofon in der Hand. Herz im Hals. Und plötzlich war da eine Wärme, die mich getragen hat. Ich habe für meine Mutter gesungen. Für die Familie, Freund:innen und auch für mich. Für alle, die in diesem Moment Abschied nehmen mussten. Danach war es still.
Da habe ich verstanden: Ich kann nicht verhindern, dass Menschen jemanden verlieren. Aber ich kann helfen, dass sie sich in diesem Moment nicht allein fühlen.
Warum ich das heute mit voller Überzeugung mache
Seit diesem Moment begleite ich deutschlandweit Trauerfeiern, weil ich immer wieder erlebe, welche Magie entsteht und wie tröstend der Gesang sein kann. Meinen Job als angestellte Grafikerin habe ich damals sofort aufgegeben, weil es einfach keinen Sinn mehr machte. Viel lieber wollte ich etwas Sinnstiftendes tun. Menschen trösten. Die Musik erlaubt Tränen. Dieses heilsame Weinen, das so gut tut. Die persönlichen Lieblingslieder machen alle Erinnerungen spürbar: Das war unser Lied. Das waren „wir“.
Und ja: Manchmal weine ich auch bei einer Trauerfeier. Vor allem dann, wenn Kinder gestorben sind oder wenn ein Suizid hinter dem Abschied steht. In solchen Momenten lasse ich mich berühren, weil ich finde, dass Trauer gesehen werden darf.
Und trotzdem kann ich singen.
Meine Stimme hält den Raum. Und mein Herz fühlt mit.
Ich gehe jedes Mal mit etwas nach Hause, das größer ist als Trauer: Dankbarkeit. Dafür, dass ich diesen so besonderen Moment mitgestalten durfte.
Und warum das auch mit dem Trost-Tiger und meinem Buch zu tun hat
Aus meiner eigenen Trauer heraus ist irgendwann eine Figur entstanden, die viele von euch kennen: der Trost-Tiger. Er steht für das, was ich mir damals selbst so sehr gewünscht hätte: eine Hand auf der Schulter, eine Umarmung, ein „Ich bleib hier“, ein bisschen Wärme mitten in der Trauer.
Und genau daraus ist auch mein neues Buch entstanden:
„Ich tröste dich " – Ein Mitmachbuch für Eltern, Kinder und alle, die Trauer liebevoll begleiten möchten.
Es verbindet persönliche Geschichten mit tröstenden Impulsen für Erwachsene und für Kinder, die Trauer oft ganz anders zeigen.
Dieses Buch ist für alle, die sich fragen:
Wie tröste ich, wenn ich selbst keine Worte haben?
Wenn du gerade selbst trauerst oder ein Kind begleitest: Du musst das nicht „richtig“ machen. Du darfst fühlen. Und du darfst dir Unterstützung holen.
Mein Buch „Ich tröste dich“ ist genau dafür geschrieben: als warmherziger Begleiter mit Worten, Übungen und dem Trost-Tiger an eurer Seite.